Generation Alpha im Recruiting
Warum Stellenanzeigen allein nicht mehr genügen
Im Sommer 2026 treten die ersten Vertreter der Generation Alpha in die Berufslehre ein. Sie suchen anders, sie entscheiden anders, sie sind anders unterwegs. Der Beitrag zeigt, was sich verschiebt, welche Formate funktionieren und welche Schweizer Beispiele bereits zeigen, wie modernes Lehrstellen-Recruiting heute aussieht.
HR Know-how | Employer Branding | Recruiting Strategien | Talentgewinnung | Vanessa Hunkeler-Bolliger
Drei Jugendliche der Generation Alpha in urbanem Umfeld vor einem modernen Gebäude – Sinnbild für die junge digitale Generation.

Die Schnupperlehr- und Lehrstellensuche beginnt in der Schweiz heute oft schon mit 14 Jahren. Genau in dieser Phase entscheidet sich, ob ein Arbeitgeber überhaupt in den Suchkreis kommt.

Mit dem Jahrgang 2010 tritt in diesem Jahr die erste Welle der Generation Alpha in die Berufslehre ein. Sie sucht anders, prüft anders und entscheidet anders als alle Generationen davor. Klassische Stellenanzeigen allein reichen für diese Zielgruppe nicht mehr aus. Das heisst nicht, dass sie wegfallen. Es heisst, dass sie nur noch ein Element von mehreren sind.

In diesem Beitrag zeigen wir, wer Generation Alpha im Recruiting wirklich ist, warum die etablierten Wege nicht mehr genügen, welche Formate auf Lehrstellen-Niveau funktionieren und an welchen Schweizer Vorbildern Lehrbetriebe sich orientieren können.

Wer Generation Alpha wirklich ist

Generation Alpha umfasst alle, die ab 2010 geboren wurden. Die ältesten sind aktuell 15 bis 16 Jahre alt und treten ab Sommer 2026 erstmals in nennenswerter Zahl in die Lehrstellen- und Ausbildungsphase ein. Damit folgt sie auf die Generation Z (Jahrgänge 1997 bis 2009) und die Millennials.

Geprägt hat diese Generation nicht ein einzelnes Ereignis, sondern eine Selbstverständlichkeit: Smartphone, Tablet und Sprachassistenten sind für die meisten von klein auf vertraut. KI-Tools wie ChatGPT, Claude und Gemini kennen viele seit der Oberstufe. Die Corona-Jahre fielen mitten in die Pubertät und haben digitale Kommunikation noch tiefer im Alltag verankert.

Das heisst nicht, dass alle gleich ticken. Eine Lernende aus dem Emmental und eine aus Zürich, beide Jahrgang 2010, können sich stark unterscheiden, auch wenn sie zur selben Generation gehören. Jede Generalisierung der Generationen hat Grenzen. Aber bestimmte Muster wiederholen sich, und genau diese Muster solltest du als Arbeitgeber kennen.

Konkret heisst das: Du sprichst eine Generation an, für die ein Bewerbungsprozess auf dem Smartphone selbstverständlich ist und die hauptsächlich über WhatsApp kommuniziert. Viele haben gar keine private Mailadresse, höchstens eine, die sie eigens für die Stellensuche eingerichtet haben. Und ein klassisches Jobportal erfordert eine bewusste Entscheidung, dort überhaupt nachzuschauen.

Wichtig zu verstehen: In den meisten Fällen sucht eine Vierzehnjährige zuerst nach einem Beruf, nicht nach einem Arbeitgeber. Sie fragt sich, was sie werden will, bevor sie sich fragt, wo sie arbeiten will. Welche Firma dahintersteht, kommt in zweiter Linie. Eine Ausnahme bilden Empfehlungen aus dem persönlichen Umfeld: wenn der Götti im Baubetrieb arbeitet oder die ältere Schwester bei der lokalen Bank gute Erfahrungen macht, kippt die Reihenfolge. Das persönliche Netzwerk ist nach wie vor einer der stärksten Kanäle für Lehrstellen, gerade in regionalen Betrieben.

Warum klassische Recruiting-Wege nicht mehr genügen

Lehrstellen-Recruitment in der Schweiz hat eine starke Infrastruktur: Yousty als zentrale Plattform, dazu Stelleninserate auf der eigenen Karriereseite, die kantonalen Lehrstellenbörsen und die Berufsberatungsstellen, die Schulen mit Betrieben vernetzen.

Für Generation Z hat dieses Setup noch grossteils funktioniert. Für Generation Alpha reicht es nicht mehr aus.

Der Grund liegt nicht darin, dass diese Kanäle plötzlich schlecht wären. Plattformen wie Yousty und andere Lehrstellenbörsen sind nach wie vor stark frequentiert und für die Lehrstellensuche unverzichtbar. Was sich verschiebt, ist die Phase davor: bevor jemand ein solches Portal filtert, bevor jemand eine Bewerbung schreibt, hat Generation Alpha längst eine Vorauswahl getroffen. Erst nach Beruf, dann nach Anbietern für diesen Beruf in der Region. Welche Arbeitgeber damit überhaupt in den Suchraum kommen, entscheidet sich oft schon Monate zuvor.

Diese Entscheidung fällt nicht auf einer Stellenplattform. Sie fällt auf TikTok, Instagram und YouTube, an Berufsmessen und in Gesprächen mit Schulkolleginnen. Wer dort nicht sichtbar ist, fehlt im Such-Universum.

Dazu kommt ein zweiter, oft unterschätzter Kanal: das persönliche Umfeld. Empfehlungen von älteren Geschwistern, Götti oder Gotti, Cousins oder Bekannten aus der Gemeinde wiegen für Jugendliche schwer. Wer als Lehrbetrieb in der Region positiv präsent ist, profitiert davon doppelt: über die digitale Sichtbarkeit und über das, was Familien und Schulkolleginnen einander erzählen.

Die zweite Hürde liegt im Format. Selbst wenn deine Stellenanzeige gefunden wird, hast du Sekunden, um Aufmerksamkeit zu binden. Lange Anforderungslisten, generische Sprache und fehlende visuelle Elemente wirken auf diese Zielgruppe wie aus einer anderen Zeit. Sie sind es auch.

Video und Social Media: die Form ist wichtiger als der Kanal

Wenn nicht klassische Stellenanzeigen alleine, was dann? Die Diskussion läuft oft auf eine Plattform-Frage hinaus: TikTok, Instagram oder YouTube. Diese Frage ist zweitrangig.

Was wirklich zählt, ist die Form. Generation Alpha konsumiert Inhalte zu Berufen, Arbeitgebern und Lehrstellen in zwei Formaten: kurze Videos und Social-Media-Posts, am liebsten von echten Menschen aus dem Betrieb. Ob der Clip dann auf TikTok, in einer Instagram-Story oder in einem YouTube-Short läuft, ist eher sekundär.

Drei Eigenschaften zeichnen Inhalte aus, die in dieser Zielgruppe funktionieren:

  • Das Berufsbild zeigen, nicht die Firma erklären. Generation Alpha sucht zuerst nach Berufen, nicht nach Arbeitgebern. Ein Polymechaniker-Lehrling, der in einer Minute zeigt, was er konkret tut, wirkt stärker als jeder Imagefilm der Firma. Wer Berufsbilder gut zeigt, deckt beide Wege ab: jene, die den Beruf suchen, und jene, die durch eine Empfehlung schon auf den Betrieb aufmerksam wurden und nun den passenden Beruf prüfen.
  • Echte Menschen statt Stockfotos. Eine Lernende, die in der Werkstatt eine konkrete Aufgabe erklärt, wirkt überzeugender als jedes Imagevideo mit Schauspielenden. Echte Bilder vom Arbeitsalltag, echte Stimmen aus dem Team, echte Situationen.
  • Sprache der Zielgruppe. Wer Jugendliche erreichen will, sollte sich nicht jugendlich verstellen, aber die Sprache anpassen. Direkte Anrede, kurze Sätze, Dialekt wo es passt. Floskeln wie «dynamisches Team» oder «junges Umfeld» schalten den Filter sofort an.

Klassisches Social Media Recruiting auf LinkedIn bleibt für andere Zielgruppen wichtig. Für Generation Alpha im Lehrstellen-Markt liegt der Fokus auf den Kurzvideo-Formaten und auf den Plattformen, wo sich diese Generation aufhält.

Was Lehrlinge wirklich interessiert: Benefits, Prozess, Sprache

Generation Alpha schaut sich Arbeitgeber sehr konkret an. Wer kein klares Bild abgibt, kommt nicht in die engere Auswahl. Vier Punkte sind dabei besonders wichtig.

1. Konkrete Lehrlings-Benefits, nicht generische HR-Wohlfühl-Floskeln.
Generische Aufzählungen wie «familiäre Atmosphäre» oder «modernes Arbeitsumfeld» überzeugen niemanden. Was diese Zielgruppe interessiert, sind konkrete Zahlen und greifbare Leistungen: 13. Monatslohn ab Lehrjahr 1, Beitrag an den Autoführerschein, Lernzeit-Modell für Berufsschule, Götti oder Gotti aus dem zweiten Lehrjahr, gemeinsame Lehrlingsausflüge. Wenn du Beträge nennen kannst, nenne sie. «CHF 500 Beitrag an den Führerschein Kat. B» schlägt jedes vage «Wir unterstützen dich».

2. Transparenter Bewerbungsprozess.
Lehrlinge bewerben sich oft zum ersten Mal in ihrem Leben. Was für dich Routine ist, ist für sie Neuland. Ein klar visualisierter Prozess hilft enorm: Schnupperlehre anmelden, Schnupperlehre absolvieren, Bewerbung einreichen, Gespräch, Vertrag, Lehrstart. Wer den Ablauf zeigt (mit Zeitangaben und Ansprechperson), senkt die Eintrittshürde deutlich.

3. Angepasste Sprache, nicht angebiederte.
Du musst nicht in TikTok-Slang kommunizieren. Aber du solltest klar, direkt und in einer Tonalität sprechen, die sich für Fünfzehnjährige nicht nach «Anwaltsschreiben» anfühlt. Du-Form, kurze Sätze, Dialekt-Elemente wo es authentisch passt. Authentisches Employer Branding heisst hier konkret: schreib, wie du sprichst, wenn du mit einem Lehrling über den Beruf redest.

4. Sichtbarkeit durch Lernende selbst.
Wer am glaubwürdigsten erzählt, was eine Lehre im Betrieb ausmacht, ist nicht die Geschäftsleitung. Es sind die aktuellen Lernenden. Wenn du ihnen Raum gibst, in Videos zu sprechen, Beiträge zu posten, an Berufsmessen ihre Erfahrungen zu teilen, baust du wirkliche Authentizität auf eine Art auf.

Konkrete Umsetzung

Wie sieht das konkret aus, wenn ein Lehrbetrieb diese Logik konsequent umsetzt? Einer unserer Kunden aus dem Bauumfeld (https://bautalent.ch/ausbildung) hat dies sehr überzeugend umgesetzt:

  • Klar getrennter Lehrstellen-Auftritt: Die Lehrstellen-Inhalte sind sichtbar vom Corporate-Auftritt abgegrenzt, mit eigener Bildsprache und Tonalität. 
  • Sprache auf Augenhöhe: Konsequentes Du, Dialekt-Elemente im Header, Tonalität, die Jugendliche wirklich anspricht ohne sich anzubiedern
  • 20+ Berufsporträts: Jeder Beruf einzeln vorgestellt, mit klarer Unterscheidung EFZ und EBA und Verlinkung zur offiziellen Berufsberatung
  • Echte Stimmen mit Namen: Lernende werden namentlich zitiert, mit Beruf und persönlicher Aussage und echtem Foto
  • Konkrete Benefits: 13. Monatslohn, Beitrag an den Führerschein, Leistungs-Boni für gute Schulnoten, kostenlose Stütz- und Förderkurse, Empfehlungs-Bonus von 500 Franken
  • Transparenter Bewerbungsprozess: 5-Schritte-Visualisierung von der Schnupperlehre bis zum Lehrstart
  • TikTok-First-Mentalität: Lernende sind eingebunden als Content-Creator, der Account ist sichtbar im Lehrstellen-Auftritt verlinkt
  • Live-Stellenstatus pro Standort: Mit Ampelsystem (Lehrstelle 2026 / 2027 / Schnupperstelle), was Transparenz schafft und gleichzeitig ein Mini-Gamification-Element ist

Diese Hebel müssen nicht alle umgesetzt werden. Greif raus, was zu deinem Betrieb und deiner Branche passt. Auch zwei oder drei dieser Elemente konsequent gelebt machen einen spürbaren Unterschied: ein einzelner Beruf gut porträtiert, drei echte Stimmen, transparente Benefits, klarer Prozess. Wer mit dem Kleinen anfängt, kann ausbauen.

Drei Mythen über Generation Alpha im Recruiting

Über kaum eine Generation kursieren so viele Halbwahrheiten wie über Alpha. Drei davon halten sich besonders hartnäckig.

  • Mythos 1: «Gen Alpha will nur Remote und maximale Flexibilität.» Die Realität im Lehrstellen-Markt sieht anders aus. Lernende wollen Anschluss, wollen lernen, wollen Menschen um sich, die ihnen zeigen, wie etwas geht. Reine Distanz funktioniert in den ersten Lehrjahren nicht. Was Generation Alpha will, ist Klarheit darüber, wann Präsenz sinnvoll ist und wann nicht.
  • Mythos 2: «Gen Alpha sucht nur Purpose und Sinn.» Sinn ist wichtig, ja, aber er steht nicht an erster Stelle. Was diese Generation zuerst prüft: Werde ich respektvoll behandelt? Verstehe ich, was ich tue? Ist die Bezahlung fair? Sinn ohne diese Basics ist eine leere Hülle.
  • Mythos 3: «Gen Alpha ist faul oder verwöhnt.» Die Klischeefalle, die schon Generation Z hören musste. Die Daten zeigen das Gegenteil: Diese Generation ist informierter als jede vorherige und kritischer im Konsum von Information. Faul ist sie nicht. Sie ist nur weniger bereit, Dinge zu tun, deren Sinn ihr niemand erklärt.

Wer die Mythen kennt, läuft in der eigenen Kommunikation nicht in sie hinein.

Diese Woche umsetzen: 5 konkrete Schritte für Schweizer Lehrbetriebe

Theorie hilft nur, wenn sie sich in Handeln übersetzt. Fünf Schritte, die Lehrbetriebe konkret umsetzen können:

  1. Frag deine aktuellen Lernenden und Jugendliche in der Suchphase. Welche Apps nutzen sie? Wo waren sie zuletzt, als sie eine Lehrstelle gesucht haben? Welche Accounts inspirieren sie? Frag deine aktuellen Lernenden, und nutze Schnupperlehren oder Berufsmesse-Kontakte, um direkt mit Schülerinnen und Schülern aus der 8. und 9. Klasse zu sprechen. Diese Marktforschung ist näher, als du denkst, und ehrlicher als jede Trendliste.
  2. Mach drei Videos. Mit Smartphone, ohne Schnitt. Drei aktuelle Lernende, drei Fragen, drei rohe Antworten. Mögliche Fragen: «Was hat dich am ersten Lehrtag am meisten überrascht?», «Was machst du gerade konkret?», «Was würdest du jemandem sagen, der hier eine Lehre erwägt?». Veröffentlichung verteilt über zwei bis drei Wochen auf Mobile-Recruiting-tauglichen Kanälen.
  3. Liste deine Lehrlings-Benefits konkret auf. Streich generische Wohlfühl-Phrasen aus deinem Onboarding-für-Lernende-Material und ersetze sie durch echte Beträge, Zeitkontingente und Strukturen. «Götti aus dem zweiten Lehrjahr» schlägt «Wir kümmern uns um dich».
  4. Visualisiere deinen Bewerbungsprozess. Fünf Schritte, fünf Icons, klare Ansprechperson pro Schritt. Niederschwellig, transparent, ohne Überraschungen.
  5. Gib deinen Lernenden eine Stimme. Statt nur Geschäftsleitung oder HR-Person sichtbar zu machen, lass die Lernenden selbst erzählen. In Videos, in Zitaten auf der Karriereseite, an Berufsmessen. Optional ein spielerisches Element wie ein Bewerbungs-Quiz oder eine Berufs-Schnitzeljagd kann zusätzlich helfen, ist aber nicht der Hauptpunkt.

Wer diese fünf Schritte umsetzt, hat in der Lehrstellensaison 2027 deutlich bessere Karten als wer abwartet.

Fazit

Generation Alpha ist keine Bedrohung für dein Recruiting, sondern eine Aufforderung, ehrlicher und konkreter zu kommunizieren. Die Plattformen sind zweitrangig, die Form ist entscheidend: kurze Videos, echte Menschen, transparente Benefits, klare Sprache, sichtbarer Prozess. Wer das jetzt aufbaut, hat es im Sommer 2027 deutlich leichter. Wer wartet, sieht zu, wie andere die passenden Bewerbungen bekommen.

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